Schnee? Die angstvolle Frage aller Wintersportfans vor dem Urlaub kann getrost vergessen, wer für das schwedische Idre Fjäll bucht. Es bietet eine Schneegarantie und das beinahe fünf Monate im Jahr.
Von Ende November bis Mitte April dauert die Skisaison in einem Ort, der nur 700 Meter über dem Meeresspiegel liegt, allerdings weit ab vom Schuss und damit klimatisch äußerst günstig. Der große Abstand zum Meer und seiner wärmenden Strömung beschert Idre nordwestlich des großen Vänernsees, nahe der norwegischen Grenze lange, kalte Winter. Mit so viel Schnee, dass der Tourismusverein eine Geld-zurück-Garantie gewährt, wenn nicht wenigstens zehn der 42 Pisten befahrbar sind. Die Gäste können vor Anreise telefonisch nachfragen.Jocke Johansson, blitzblauäugiger Schwede und Idres Marketingchef, schwärmt für die Alpen. Um Adrenalin und Abenteuer willen brettert er einmal im Jahr die Dreitausender hinab, gerade ist er aus Österreich zurück. Doch zehn Tage im Jahr genügen für die Liaison, dem beschaulichen Idre gehört Jockes Herz: Gut zum Skifahren, ideal für Anfänger, Kinder, Familien. Einfach gemütlich.Urgemütlich. Von aufgesetzter Noblesse und Schaulaufen am Hang keine Spur, kein überflüssiger Prunk. Stattdessen Gemeinschaftssinn, Gelassenheit und die Art von Gleichheit, die in Schweden hoch gehalten wird. Allerorten stehen anheimelnde Holzhütten, denen unterschiedliche Preiskategorien nicht anzusehen sind. Die meisten haben Kamin und Sauna, und wer sich nach dem Schwitzen draußen im Schnee abkühlt, braucht scheele Blicke nicht zu fürchten. Mehr als 30 Lifte bezwingen den Gipfel, an den sich die Häuser schmiegen. Der punktet bei 900 Metern nicht mit Höhe, sondern mit Vielseitigkeit. In alle Himmelsrichtungen rutschen Skifahrer und Snowboarder abwärts, nach Wunsch mit Gegenwind oder auf der windgeschützten Seite, in Sonnenschein oder Schatten, über Buckelpiste, Halfpipe und anderen Schnickschnack, auf 16 grünen, zehn blauen, fünf roten oder elf schwarzen Routen.
Der längste Weg ins Tal misst2800 Meter, als aufregendster gilt Chocken, die steilste, präparierte Piste Skandinaviens. Der Schock hält, was er verspricht. Mit 45 Grad Gefälle gehts runter, meist auf vereistem Grund, halsbrecherisch genug für internationale Wettbewerbe im Speedskiing. Bevor sich Pistenfahrzeuge überhaupt am Berg halten konnen, musste das schrägste Stück etwas entschärft werden. Wer es mit weniger Nervenkitzel aushält, kann in Idre Fjäll vortrefflich Langlauf betreiben. Gut 60 Kilometer Loipen, Rundkurse von zweieinhalb bis 15 Kilometer Länge, teilweise mit nächtlicher Beleuchtung, befriedigen erfahrene Läufer ebenso wie wacklige Anfänger. Obwohl Idre Scharen jugendlicher Wintersportler anzieht, herrschen auf den Abfahrtspisten überschaubare Betriebsamkeit und bereitwillige Rücksichtnahme, so dass auch langsamere Fahrer und Eltern-Kind-Gespanne geruhsam über den Hang wedeln können. Die Wartezeit am Lift überschreitet fünf Minuten kaum. Für Kinder gibt es einen Spielplatz an der Piste und etliche seichte Übungshänge, wo spezielle Förderbänder den Ski-Eleven das mühevolle Bergan-Staksen abnehmen.
Tatsächlich dürften gerade Familien für die Erfindung von Winterurlaub in Idre dankbar sein.Der Anlass dafür liegt mittlerweile fast vier Jahrzehnte zurück. Mitte der 60er Jahre ging es mit der Region bergab. Eine Bleimine hatte geschlossen, in der Forst gab es immer weniger Arbeit, junge Menschen zogen fort. Jene, die blieben, suchten einen Ausweg und fanden ihn vor der Haustür die Landschaft scheint wie geschaffen für Freizeitvergnügen und Erholung. Das Fjäll ist zauberhaft, eine weite Hochebene, aus der sich einige Bergspitzen erheben, malerisch besetzt mit Nadelbäumen, natürlich fehlen weder See noch Flüsse. Gemeinsam mit einer traditionsreichen schwedischen Gesellschaft für Freilufttreiben und Gesundheit wurde eine Stiftung gegründet, die den Tourismus aufbaute.Seit der Eröffnung 1968 entwickelte sich Idre Fjäll zu einem lebhaften Urlaubsort, der nur im Mai und Oktober pausiert. Die meisten Besucher sind Schweden, etwa 20 Prozent kommen von außerhalb, zumeist aus Dänemark, England, Holland, Ungarn und dem Baltikum. Deutsche rücken am liebsten zum Jahresende an. Der weißen Weihnacht wegen.
Bis heute wacht die Stiftung über alle Vorhaben im Revier, Gewinne werden wieder investiert. Erst vor kurzem eröffnete ein Fünf-Sterne-Hotel, die frühere schwedische Skiweltmeisterin Pernilla Wiberg betreibt es, übrigens in ihrem Heimatort. Ein Skistadion Ausgangspunkt aller Langlauf-Touren steht seit 2003, es ist meisterschaftstauglich und im kommenden Jahr Austragungsort für einen Lauf des Biathlon-Weltcups. Derzeit tüfteln die Planer daran, zwei benachbarte Berggipfel in das Skigebiet einzubeziehen. Sie ragen ins Naturreservat, darum müssen Behörden in Stockholm zustimmen.Wanderungen durchs Fjäll, Saunabaden mit Freiluft-Zuber, Fahrten im Hundeschlitten, Bowling, Abstecher in die Schwimmhalle oder das südlichste Samendorf Schwedens eine Woche Winterurlaub reicht nicht, um das beachtliche Freitzeitangebot des Ortes abzuarbeiten. Dennoch gäbe es noch diesen oder jenen kleinen Wunsch: nach einer Eisbahn etwa oder einem Rodelhang. An Ideen mangelt es nicht und nicht am Willen, sie umzusetzen. In der Nachbarschaft wächst durchaus das Verlangen, den Erfolg von Idre Fjäll nachzumachen.
